Frauen der Künste und der Wissenschaften

Lise Meitner
Kernphysikerin

Lise Meitner und Otto Hahn im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin 1913. Foto: via Wikimedia Commons
Lise Meitner und Otto Hahn im Labor des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Chemie in Berlin 1913. Foto: via Wikimedia Commons

Lise Meitner (1878 – 1968)

Lise Meitner kommt 1878 als drittes von acht Kindern eines jüdischen Advokaten in Wien zur Welt. Die Kinder geniessen ein liberales Elternhaus und werden im protestantischen Glauben erzogen. Mit 30 Jahren lässt sich Lise evangelisch taufen.

Schon früh zeigt Lise grosses Interesse an den Naturwissenschaften und wenig Begabung für praktische Arbeiten, was ihre Geschwister amüsiert. Der Weg zum Studium ist steinig. Frauen können nicht ans Gymnasium. Mittels Privatunterrichts bereitet sie sich auf die externe Maturaprüfung vor. 1901 beginnt sie mit dem Studium der Mathematik und Physik. Fünf Jahre später promoviert sie als eine der ersten Frauen an der Universität Wien.


1907 lernt Lise Max Planck kennen und zieht nach Berlin, um an seinen Lehrveranstaltungen teilzunehmen. In Berlin sucht der Radiochemiker Otto Hahn einen Physiker: Der Beginn einer 30-jährigen Zusammenarbeit. Als Frau hat Lise keinen Zugang zu den Laboratorien, weshalb ihr Wirkungsfeld sich auf die Tätigkeiten in Hahns «Holzwerkstatt» beschränkt. 1909 entdecken Lise und Hahn gemeinsam das Prinzip des radioaktiven Rückschlags. Trotz verschiedenen Stellenangeboten bleibt Lise der Forschung in Berlin treu – unbezahlt. Auch als Hahn 1912 als Abteilungsleiter mit seinen Arbeiten in das neue Kaiser-Wilhelm-Institut für Chemie umzieht, bleibt Lise «unbezahlter Gast». Unter Planck wird sie 1912 «der erste weibliche Universitätsassistent Preussens» und erstmals für ihre Forschungstätigkeit bezahlt.

In den folgenden Jahren wird Lise Leiterin der für sie geschaffenen Physikalisch-Radioaktiven Abteilung, erhält 1919 den Professorentitel, darf ab 1922 als Privatdozentin und ab 1926 als ausserordentliche Professorin dozieren. Mit der Machtergreifung 1933 verliert sie ihre Lehrbefugnis, aber nicht ihre Anstellung, da sie dem Rassengesetz als Österreicherin nicht unterstellt ist.

Dies ändert sich am 12. März 1938 durch den Anschluss Österreichs. Bereits zehn Tage später legt man ihr nahe, ihre Arbeit zu beenden. Am 13. Juli flüchtet sie mithilfe von Freunden über die niederländische Grenze bis Schweden. Lise beantragt ihre Emeritierung. Durch ihren ausländischen Wohnsitz droht sie den Anspruch auf ihre Rente zu verlieren. Hahn unterstützt sie bei ihren Rentenansprüchen und bleibt mit ihr in Kontakt.

Zeitgleich wird die Uranforschung durch konkurrierende Forschungsgruppen in Berlin und Paris vorangetrieben. Kurz vor Weihnachten berichtet Hahn von einer überraschenden Entdeckung, für deren physikalische Deutung er Lises Einschätzung benötigt. Lise und ihr Neffe Otto Robert Frisch stellen Berechnungen an und publizieren. Allerdings haben Hahn und Strassmann ihre Ergebnisse des chemischen Experiments bereits zuvor veröffentlicht. Diese Entdeckung wird als Kernspaltung in die Geschichte eingehen, für die Otto Hahn 1946 den Nobelpreis für Chemie erhält.

In den folgenden Jahren erhält Lise Meitner zahlreiche Auszeichnungen und Ehrentitel: Mitgliedschaften an fünf Akademien der Wissenschaften, Preise, Medaillen, Ehrendoktorate und -zeichen sowie weitere angesehene Mitgliedschaften. 1959 nimmt sie an der Einweihung des Hahn-Meitner-Instituts in Berlin teil.

Der begehrte Nobelpreis bleibt ihr verwehrt. Aus den seit 1996 zugänglichen Akten des Nobel-Komitees geht hervor, dass sich 1945 einige Mitglieder dafür einsetzten, dass neben dem Nobelpreis für Chemie für die Kernspaltung auch einer für Physik an Meitner und Frisch vergeben werden sollte. Dieser Vorschlag wurde knapp verworfen.

1946 unterrichtet sie in den USA und ein Jahr später erhält sie eine Forschungsprofessur und die Leitung eines Laboratoriums an der Königlich-Technischen Hochschule in Stockholm.

Ein Wiedersehen: Lise Meitner und Otto Hahn an der 12. Physik-Tagung 1962.
Foto: Willy Pragher, via Wikimedia Commons
Ein Wiedersehen: Lise Meitner und Otto Hahn an der 12. Physik-Tagung 1962.
Foto: Willy Pragher, via Wikimedia Commons
Lise Meitner bei ihrer Ankunft in Wien mit Dr. Sigvard Eklund (Direktor International Atomic Energy Agency) zur Eröffnung der «Atoms at Work»-Ausstellung 1963. Foto & Copyright: IAEA Imagebank, via Wikimedia Commons
Lise Meitner bei ihrer Ankunft in Wien mit Dr. Sigvard Eklund (Direktor International Atomic Energy Agency) zur Eröffnung der «Atoms at Work»-Ausstellung 1963. Foto & Copyright: IAEA Imagebank, via Wikimedia Commons

Im Alter von 82 Jahren begibt sich Lise in den Ruhestand nach Cambridge, wo sie 1968 stirbt. Das 1992 entdeckte Element 109 wird «Meitnerium» genannt. Seit 2000 wird am Hahn-Meitner-Institut in Berlin der Hahn-Meitner-Preis verliehen.

Stadtbibliothek Rapperswil- Jona, Jasmin Siemon


Bild Einstieg: Lise Meitner zwischen 1940 und 1960. Foto: Harris & Ewing, via Wikimedia Commons


Weiteres

Unnützes Wissen

  • Versehentlich vergisst ein Beamter bei Lise Meitners Geburtstag die 1 und trägt den 7. November 1878 als ihren Geburtstag ein – der Geburtstag der später bekannten Forscherin Marie Curie.
  • Statt zu schlafen, bildet sich Lise Meitner auch nachts mit viel Einfallsreichtum weiter: Unter einem Teppich versteckt sie sich mit einer Glühbirne an einem langen Kabel, sodass der Lichtschein nicht wahrzunehmen ist.
  • Im liberalen Hause Meitner sind die Kinder zunächst «ungeschnürt» – sie tragen kein Mieder. Später bescheren eingenähte Metallstreifen in ihrer Corsage Lise Meitner zunächst falsche Messergebnisse bei Experimenten mit einem Magnetfeld.
  • Zeitlebens ist Lise von den gleichen Möbelstücken umgeben. Nach dem Tod ihrer Eltern wird das Mobiliar von Wien nach Berlin überführt. Später sorgen Otto Hahn und ihre Freundin Elisabeth Schiemann dafür, dass ihr die Möbelstücke ins Exil nach Stockholm folgen.
  • Anfang des 20. Jahrhunderts ist man sich der Gefahr von radioaktiver Strahlung nicht bewusst. Präparate stehen ungeschützt auf den Tischen und werden angefasst. Viele Physiker erleiden Verbrennungen und ernste Strahlenschäden. Ein Umfüller an Lise Meitners Institut in Wien verliert gar seine Hand.
  • Lise Meitner wurde eine aktive Beteiligung an der Entwicklung der Atombombe von der Presse nachgesagt, was sie ausserordentlich empörte.

Quellen

  • Hardy, Anne & Sexl, Lore (2016): Lise Meitner.
  • Weidenbach, Vera (2022): Die unerzählte Geschichte. Wie Frauen die moderne Welt erschufen – und warum wir sie nicht kennen.
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Die Stadtbibliothek Rapperswil-Jona möchte bekannten und weniger bekannten Frauen und ihrem Werk mehr Sichtbarkeit verleihen. Das künstlerische und wissenschaftliche Schaffen dieser Frauen wird monatlich in Form eines Porträts gewürdigt. Nachdem sich die Beiträge zu Beginn auf Frauen aus dem Bereich der Kunst konzentrierten, werden seit 2024 auch Persönlichkeiten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen in den Blick genommen.

Das aktuellste Porträt der Reihe «Frauen der Künste und der Wissenschaften» finden Sie immer am ersten Freitag des Monats im Newsletter und fortlaufend auf unserer Webseite. Eine Auswahl an Medien für eine weiterführende Beschäftigung mit den Frauenfiguren bietet Ihnen unser Bestand vor Ort.

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