
Man nennt sie die «afrikanische Mutter Teresa». Doch hinter diesem Ehrentitel steckt ein Leben, das mehr als nur Nächstenliebe verkörpert. Es erzählt von unerschütterlichem Mut, von Wunden, die nie ganz heilen und von einem unermüdlichen Kampf gegen Unrecht.
Edna Adan Ismail wuchs in Somaliland auf. In einem Land, in dem die Narben von Armut, Krieg und Tradition tief in den Körpern und Seelen eingeschrieben sind. Als kleines Mädchen wurde auch sie Opfer der grausamen Praxis der Genitalverstümmelung (FGM) – eine Erfahrung, die sie für immer prägte. Sie schwor sich still, dass kein anderes Kind dieselbe Qual durchleben sollte.
Dieser Schwur wurde ihr Lebenskompass. Edna verliess ihre Heimat, studierte in London Krankenpflege und Geburtshilfe und kehrte zurück, um etwas zu wagen, was noch nie zuvor in Somaliland gemacht wurde. Auf einem Stück Land, das einst als Müllhalde diente, errichtete sie ein Krankenhaus. 2002 öffnete das Edna Adan Maternity Hospital in Hargeysa die Türen. Was als Zufluchtsort für Mütter und Neugeborene begann, wuchs zu einem Zentrum der Hoffnung für die ganze Region. Heute werden dort Hebammen und Pflegekräfte ausgebildet – Fachkräfte, die nach Jahrzehnten des Bürgerkriegs dringend gebraucht werden.
Doch Ednas Engagement reicht weit über medizinische Versorgung hinaus. Sie stellt sich einem Tabu entgegen: Der weiblichen Genitalverstümmelung. Fast jede Frau in Somalia trägt diese Verletzung am eigenen Körper. Edna aber verlangt von jeder Schülerin, die ihre Ausbildung beginnt, ein Versprechen – das Schweigen zu brechen und sich gegen diese Gewalt zu stellen. Denn sie weiss: Jede Hebamme, die aufgeklärt und entschlossen in die Dörfer zieht, ist ein Schritt hin zu einer Zukunft ohne FGM.
Ihr Weg führte sie auch in die Politik. Sie war die erste Frau in der Regierung Somalilands, diente als Sozial- und später als Aussenministerin. Selbst an der Seite von Präsidenten und Königen vergass sie nie, wofür sie kämpft.
Noch heute erzählt sie von jenen Nächten, in denen kleine Mädchen in ihr Krankenhaus getragen wurden – blutend, halbtot, nicht aus Krankheit, sondern aus menschlicher Grausamkeit. «Wenn ein Kind mit einem Fuss im Grab liegt, nicht durch Schicksal, sondern durch eine Hand, die es verstümmelt hat – das ist das Schrecklichste, was es gibt.» [1], sagt sie.
Edna Adan Ismail steht für den unerschütterlichen Glauben daran, dass Würde, Gesundheit und Bildung keine Privilegien sein dürfen. Sie hat Mauern aus Trümmern gebaut, Leben gerettet und ein ganzes Land daran erinnert, dass wahre Stärke nicht darin liegt, Traditionen blind zu bewahren, sondern darin, sie zu hinterfragen, wenn sie zerstören.
[1] Zitat aus dem Artikel: https://www.unfpa.org/news/eliminating-fgm-one-midwife-time (04.11.2025)
Stadtbibliothek Rapperswil- Jona, Jasmina Barbato

Die Stadtbibliothek Rapperswil-Jona möchte bekannten und weniger bekannten Frauen und ihrem Werk mehr Sichtbarkeit verleihen. Das künstlerische und wissenschaftliche Schaffen dieser Frauen wird monatlich in Form eines Porträts gewürdigt. Nachdem sich die Beiträge zu Beginn auf Frauen aus dem Bereich der Kunst konzentrierten, werden seit 2024 auch Persönlichkeiten aus verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen in den Blick genommen.
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