
Von Yael van der Wouden
Belletristik Erwachsene
Beim Graben im Gartenbeet findet Isabel eine Porzellanscherbe mit blauen Blumen und einem angedeuteten Hasenbein, die sie fortan sorgfältig aufbewahrt. Die Scherbe stammt von einem Teller, der zum Lieblingsservice ihrer verstorbenen Mutter gehört. Das Service in der Vitrine des Esszimmers ist jedoch, wie sich Isabel flugs versichert, vollzählig. Woher also stammt diese Scherbe in der Erde? Dieses Vorkommnis ist nicht das einzige, das zur geheimnisvollen, auch beklemmenden Atmosphäre in Yael van der Woudens Roman «In ihrem Haus» beiträgt. Der (mehrdeutige) deutsche Titel verweist gleich auf die drei Protagonistinnen: zwei junge Frauen und ein altes Haus in der niederländischen Provinz in den 1960er-Jahren. Isabel, eine junge neurotische Frau, wohnt in einem in die Jahre gekommenen Haus auf dem Land, allerdings nur zu Gast und auch nur so lange, wie es ihr lebenslustiger Bruder nicht für sich beanspruchen wird, um eine Familie zu gründen. Isabels Alltag ist geprägt von Routinen in ihrem Haus, das ihr nicht nur Schutz vor der Aussenwelt bietet, sondern auch die familiäre Vergangenheit in sich birgt. So erinnert sie sich plötzlich wieder daran, wie sie und ihre Familie vor rund 20 Jahren in das Haus, das zu diesem Zeitpunkt bereits vollständig eingerichtet war, eingezogen waren. Isabel, die kaum soziale Kontakte pflegt und äusserst ruppige Umgangsformen hat, wird ungewollt mit einer Mitbewohnerin konfrontiert. Auf Geheiss ihres Bruders Louis zieht nämlich Eva, seine neue Freundin, vorübergehend in ihr Haus ein. Die (angeblich) ungehobelte und naive junge Frau nimmt allmählich von ihrem Haus Besitz. In der Hitze dieses Sommers verschwinden auf mysteriöse Weise immer mehr Gegenstände im Haushalt – eine blaue Auflaufform, ein Teelöffel, ein Teller mit Hasenmotiv. Isabel, die ihr Leben unter Kontrolle zu halten versucht, wehrt sich gegen Evas Übergriffigkeit, während sie sich gleichzeitig immer stärker zu ihr hingezogen fühlt. Als Isabel schliesslich Evas Geheimnis auf die Schliche kommt, ist es zu spät – oder doch nicht?
Stadtbibliothek Rapperswil-Jona, Rita Krajnc