
Von Elisa Macellari
Graphic Novel Erwachsene
Heute ist die zeitgenössische Künstlerin Yayoi Kusama 96
Jahre alt. Sie lebt freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Japan und
malt nach wie vor. Ihr ganzes Leben widmete sie der Kunst, sie erlangte grossen
Ruhm und wird heute gefeiert. Derzeit sind Werke von ihr in der Fondation
Beyeler in Basel in einer Retrospektive ausgestellt.
Elisa Macellari führt in ihrer Graphic Novel chronologisch
durch das Leben von Yayoi Kusama. Zu Beginn steht das prägende Erlebnis des
Mädchens Yayoi, das in einem Blumenfeld liegt. Durch eine Halluzination werden
die unzähligen, sie umgebenden Blüten zu Wesen mit Stimmen, die sie verfolgen.
Es ist, als würden sich ihre eigenen Grenzen aufheben. Sie verfliesst mit ihrer
Umgebung, im weitesten Sinn mit dem Universum. Diese Unendlichkeit und
Auflösung prägen ihr gesamtes Werk.
Schon als Kind zeichnet Yayoi unermüdlich, ohne das Verständnis
ihrer Eltern. An der traditionellen Kunsthochschule in Kyoto, welche sie später
besucht, fühlt sie sich nicht wohl, schafft aber eine grosse Menge an Bildern.
Mit 28 Jahren wagt sie den grossen Schritt. Sie wandert nach New York aus - mit
60 Kimonos im Gepäck und ungefähr 2000 Gemälden.
Sie arbeitet wie besessen. Ihre Unterkunft ist kalt und sie
hat Hunger. Sie befindet sich in einer zwanghaften Unruhe und hat
Angstzustände. Mit ihrer Arbeit versucht sie, das reale Leben zu ertragen. Elisa
Macellari formuliert es so: «Bei allem Leiden, das ihre Verfassung mit sich
brachte, hatte Kusama zu ihrer wahren künstlerischen Sprache gefunden.»
Sie integriert sich in die Kunstszene der 60er Jahre und
gewinnt an Bekanntheit. Sie kreiert Kleidungsstücke, die Kunst und Mode
miteinander verschmelzen lassen. Ihre repetitiven Designs, wie Punktemuster und
Cut-Outs, finden über die Kunstwelt hinaus auch in gehobenen Kreisen grosse
Beachtung. Ihre gewagten öffentlichen Happenings stellen soziale und politische
Normen in Frage. Sie schreibt mehrere Romane und Gedichtsammlungen.
1973 kehrt sie aufgrund ihrer schlechten psychischen
Gesundheit nach Japan zurück. Vorerst wird sie in New York vergessen und gilt
in ihrer Heimat als Schande.
Elisa Macellari gelingt es eindrücklich, die kontroversen
Seiten im Leben Yayoi Kusamas nebeneinander darzustellen. Beschreibend zeigt sie
prägende Stationen im Leben der Künstlerin. Die Illustrationen der Graphic
Novel berühren durch eine Schlichtheit, die einen ehrlichen Zugang zur Person
und ihrer Biografie ermöglichen.
Stadtbibliothek Rapperswil-Jona, Susanne Löw