
Von
Melara Mvogdobo
Belletristik Erwachsene
«Grossmütter» erzählt die Geschichte zweier Frauen, deren Lebensumstände auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten: Während die eine einer wohlhabenden Familie aus Kamerun entstammt, ist die andere Teil einer armen Schweizer Bauernfamilie. Die eine wird zwangsverheiratet und lehnt zum Unmut ihres Mannes die Polygamie ab, die andere gebärt einen unehelichen Sohn und schlittert in eine unglückliche Ehe. Beide Frauen verbringen ihren Lebensabend in der Schweiz, umsorgt und unterstützt von der Enkelin, und blicken auf ihr Leben zurück – dies weder chronologisch noch vollständig. Typografisch durch die Schriftfarbe voneinander unterschieden, erzählen Passagen aus ihren Leben. Die Sprache konzentriert sich dabei auf das Wesentliche und verzichtet auf bildhafte Beschreibungen, Erklärungen und lange Umschweife. Sie macht die Lesenden zu Beobachtenden: «Rechnen, lesen. Das ist kein Mädchenzeugs. Ich verstand: Träume sind auch kein Mädchenzeugs.» (S. 15)
Der Roman zeigt, dass die Grossmütter – aufgewachsen auf unterschiedlichen Kontinenten und in verschiedenen sozialen Schichten – viel verbindet: «Die Freiheit einer Frau reicht nur bis zum nächsten Nein eines Mannes» (S. 26). Beide werden von ihren Ehemännern körperlich und seelisch gedemütigt und misshandelt.
Der Schreibstil, geprägt von schnörkellosen Hauptsätzen, macht die Sprachlosigkeit der älteren weiblichen Generationen sichtbar. Doch mit jedem Kapitel durchbrechen die beiden Protagonistinnen ihre Sprachlosigkeit ein Stück weiter. Ihre Befreiung spielt sich dabei nicht nur auf sprachlicher Ebene ab, sondern äussert sich auch in ihrem Verhalten. Sie verfolgen ihre eigenen Wünsche, lehnen sich gegen ihre Ehemänner auf und befreien sich schliesslich von ihnen.
Stadtbibliothek Rapperswil-Jona, Jasmin Siemon