
David Szalay lässt uns in seinem Roman «Flesh», der den Booker Prize 2025 gewann, am Leben von István teilhaben. Die erzählte Zeit erstreckt sich über rund 50 Jahre von Istváns Leben: Von seiner Kindheit in einer ungarischen Plattenbausiedlung über ein Leben voller Luxus in London und wieder zurück zur ungarischen Plattenbausiedlung. Beim Lesen begleiten wir István im Präsens – und sind ihm dabei ganz nah. Und doch bleibt vieles unausgesprochen. Während wir ihm «zusehen» und dabei Istváns Körperlichkeit kennenlernen – worauf auch der Titel «Flesh» (zu Deutsch: «Fleisch») anspielen mag –, bleibt Istváns Gefühlswelt verborgen und das Ausfüllen dieses Unerzählten unserer Interpretation überlassen. Der Autor spart längere Episoden von Istváns Leben aus. Über die Inhalte dieser ausgesparten Episoden erfahren wir beiher, wobei gerade auch das Unerzählte die persönliche Entwicklung von István prägen dürfte. So erfahren wir nur sehr bruchstückhaft, dass er im Gefängnis war oder was er während seiner Zeit als ungarischer Soldat im Irak erlebte. Was das Erlebte mit ihm macht, lässt sich nur erahnen. Der Protagonist schlittert durch sein Leben, bei dem er oft selbst wie ein passiver Zuschauer wirkt. Musterhaft steht dafür seine Antwort «Okay» auf eine Vielzahl von Fragen, die ihm im Laufe seines Lebens gestellt werden und mit denen grosse Entscheidungen einhergehen. Der Titel der deutschen Übersetzung «Was nicht gesagt werden kann» steht sinnbildlich für das, was in diesem Roman präsent ist, aber weder ausformuliert, noch thematisiert wird. Es befindet sich auf einer Ebene, die wir uns ergänzend vorstellen müssen, da sie keine Erwähnung findet. Nicht zuletzt steht Istváns fünfzigjährige, persönliche Geschichte im Kontext Europas im Umbruch.
Stadtbibliothek Rapperswil-Jona, Jasmin Siemon